Frauen Entwicklung IT

Frauen in der Entwicklung – IT’s a mens world

Lasst die Mädels an die Rechner! 6 Gründe wieso mehr Frauen in der Entwicklung arbeiten sollten, und wie sie die IT bereichern.

Claudia ist 28 und Produkt Ownerin der neuen Mobilanwendung eines renommierten Aktienunternehmens. Sie kommt am Montag als Letzte im Großraum-Büro an. Ihre Kolleginnen sitzen bereits an den Rechnern und fügen die letzten Komponenten zusammen…
Klingt unrealistisch? Leider ja! Das ist vieles, aber nicht gewöhnlich.
Gerademal 11 Prozent macht die weibliche Präsenz in den IT-Abteilungen weltweit aus. Es ist eine Männerdomäne. Und das ohne den standardmäßigen Grund , denn zu Programmieren erfordert keine Muskelkraft. Alle Rechtfertigungen dieses Zustands folgen veralteten Gesellschaftsbildern und Vorurteilen. Weibliche Gehirnstrukturen sind die perfekte Erweiterung der Testosteron dominierten Web-Entwicklung.

IT’s a mens world …

Ich selbst habe mich immer als Verfechterin des Lebenslangen Lernens gesehen. Es ist Bestandteil meiner Lebenseinstellung. Ich dachte, ich hätte sie bereits vollkommen verinnerlicht, als ich mich sagen höre: „Ich traue mir echt alles zu, aber Programmieren ist nichts für mich.“ Damit war es besiegelt: „Challenge acceptet! Challenge accomplished!“
Grace Hopper, Ada Lovelace, Joan Clarke und Margaret Hamilton sind die Namen, die euch jedesmal begegnen werden, wenn ihr euch mit dem Thema beschäftigt. Worum es mir geht, geht aber über Einzelfälle hinaus. Es geht eben darum, dass man diese Frauen nicht an einer Hand abzählen können sollte. Es geht viel eher darum, was uns das Beispiel der ENIAC Frauen lehrt. Aus Mangel an Männern während des Zweiten Weltkriegs griff man auf die Human Resources zurück, die einem geblieben waren:

Frauen!

Frauen in it

Sie waren es, denen man einen Hauptteil der Entwicklung der ersten Computerprogramme zu verdanken hat.
Wieso wartet unsere Gesellschaft auf solche Engpässe an männlicher Gehirnmasse oder politisch vorgegebene Frauenquoten, um das Potenzial zu nutzen, das ihr inne liegt?
Die Antwort darauf können wir in verschiedenen Ansätzen suchen und finden: unserer Gesellschaft, Erziehung und im Schulsystem. Frauen finden überwiegend nur über Umwege in die IT. Eine Pwc-Studie des Vereinigten Königreichs zeigt ein für die EU repräsentatives Bild: Nur 3 Prozent der Frauen geben an, das eine Karriere in der Technologie ihre erste Wahl wäre. Die Zahl derer, die dieses Ziel verfolgen und auch umsetzen, fällt natürlich noch geringer aus.

Bewegungen wie Girls Day, Let’s Tech it forward und einige mehr versuchen der weiblichen Dominanz in der technologischen Abteilungen ein wenig Abwechslung beizumischen. Auch im Zuge dessen werden die oben aufgeführten Damen genannt.
Ich persönlich halte die Frauenquote für ein Armutszeugnis unserer fortschrittlichen Zeit. Ähnliches empfinde ich, wenn ich mich an berühmten, klugen aber ebenso toten Frauen orientieren soll. Ich glaube an den Einfluss von Vorbildern- vor allem präsenten. Uns fehlt die Selbstverständlichkeit dieser Thematik.
Ich möchte einen alternativen Ansatz vorschlagen:

Learn – unlearn – relearn

Was wir einmal angenommen und abgespeichert haben, wieder zu hinterfragen und zu „entlernen“ gehört zu den schwierigen Aufgaben im Leben. Nun zu der Frage: Frauen und Männer sind verschiedenen, doch sind es auch ihre Gehirne?
Frei nach dem Vorbild des Buches „Männer kommen vom Mars- Frauen von der Venus“ werden Stereotypen gebildet. Wir Menschen erfüllen die Rollen, die man uns gibt. Das wissen wir aus der Psychologie. Was also, wenn unsere Unterschiede vor Allem gesellschaftlich bedingt sind? Was wenn wir geschlechtsunabhängig das gleiche Potenzial haben? Wie kommen wir überhaupt auf die Idee, dass es anders sein könnte?
Es wird Zeit zu hinterfragen.

Ich möchte eine Geschichte über die Tücken der Gehirnforschung einfügen. Die Geschichte von Phineas Gage. Er gilt als unfreiwillige Ikone der Gehirnforschung. Im Jahr 1848 stößt er sich bei Bauarbeiten eine Eisenstange durch den Kopf, sein linkes Auge, sein Gehirn und seine Schädeldecke. Er bleibt am Leben und bei Verstand. Sein Arzt dokumentiert später Verhaltenänderungen. Er soll impulsiver, aggressiver und kindischer geworden sein. Jahre später kommt es zu epileptischen Anfällen, an denen er letzten Endes stirbt. Sein Gehirn kann erst dann intensiver studiert werden. So wird er der Urvater des Frontalhirnsyndroms.
Was wir aus dieser Geschichte vor allem Lernen können, ist dass es noch vor nicht all zu langer Zeit nicht möglich war, aus dem lebenden Gehirn weitreichende Informationen zu gewinnen. Die Gehirnforschung ist ein Kind der Neuzeit.
Kurz: Legt man einem Gehirnforscher ein menschliches Gehirn vor, kann er das Geschlecht nicht bestimmen! Mehr dazu hier.

Dass meine Tochter lieber mit Puppen spielt, und mein Sohn lieber mit Autos, obwohl ich versucht habe sie ohne Schablonen aufzuziehen, ist nicht ihren Neuronen geschuldet. Sie wachsen, wie wir alle, in einer Gesellschaft auf, die Logos und Vorurteile braucht, um sich zu orientieren.
Trotzdem ist sie besser in Mathe und Sport, und er lernt mit Leichtigkeit Sprachen.
Wie die Gesellschaft unsere Potenziale beschneiden kann, zeigt die wundervolle, gesellschaftskritische Kampagne von always:

Potenziale nutzen- 6 Gründe wieso Frauen in die Entwicklung gehören

1. Fachkräftemangel

Männertypische Berufe klagen über Fachkräftemangel. Die Branchen, in denen der Frauenanteil gestiegen ist, verzeichnen einen weniger starken Mangel. Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat berechnet, dass der Fachkräftemangel die Wirtschaftsleistung 30 Milliarden Euro kostet. Auch die Tech- Branche wächst schneller als geschultes Personal zu finden ist, obwohl gleichzeitig hochgebildete Frauen in unglücklichen Positionen sitzen. Es ist also eine vergleichbare Situation, wie zu Zeiten der ENIAC-Frauen. Beim Versuch den Mangel durch Frauen zu kompensieren, machen viele Unternehmen Fehler, wie beispielsweise, dass die Arbeitszeiten nicht für Mütter geeignet sind, oder keine Frauen im Bildmaterial zu finden sind.
Die Zahl der Frauen in Tech ging damals wieder zurück, als die Demografie sind wieder eingependelt hatte, und das Land genug Männer hatte. Aus diesem Fehler sollten wir ebenfalls lernen.

2. Konfliktmanagement

Eine Mischung von Frauen und Männern wirkt sich nachgewiesenermaßen positiv auf das Arbeitsklima und die Konfliktkultur des Kollegiums aus. Untersuchungen zu dem Übermaß an weiblichen Lehr- und Erzieherkräften in deutschen Schulen und Kitas ergeben, dass das Verhältnis dabei eine Rolle spielt. Es würde also nicht reichen, wenn vereinzelt eine Frau in Tech arbeitet, wie es bereits der Fall ist.

3. Interdisziplinarität und kognitive Diversität

Erfolgreiche Teams zeichnen sich durch interdisziplinäre Skills aus. Die Bereicherung liegt in den verschiedenen Denkansätzen und Erfahrungen. Doch nicht nur Handwerker, Designer und Psychologen gelten als interdisziplinär. Gerade in der IT gehört das Geschlechterverhältnis dazu. Entwickler stehen oft neuen, unbekannten Herausforderungen gegenüber. Diese Komplexität sollte sich auch im Team wiederspiegeln. Es geht um kognitive Diversität. Durch die Ideen- und Lösungsfindung von Frauen und Männern, die ein gemeinsames Ziel verfolgen, kann das Ergebnis auf ein anderes Level gehoben werden.

4. Kommunikation

Frauen sind auf Grund ihrer Erziehung durch Eltern und Gesellschaft in der Regel kommunikativer. Sie haben eine geringere Hemmschwelle Gefühle zu äußern und anzusprechen. Das hat einen positiven Einfluss auf die Konfliktkultur und die Arbeitsatmosphäre. Zudem wirken sich diese Sprachfähigkeiten positiv auf die Lernflexibilität aus. Neue Lerninhalte lassen sich schneller verinnerlichen, wenn man über sie spricht, weil man sie wiederholt. Zudem ist das Gehirn bereits darauf trainiert, sich auf neue Inhalte einzulassen, wenn man kommunikativ ist.

5. Vorurteile brechen

Neue Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Wir sind durch diese Gesellschaft geprägt und gleichzeitig sind wir diese Gesellschaft. Wir sind weder unmündig noch ohnmächtig. Wer also, wenn nicht wir?
Wie bereits beschrieben, erfüllen wir die Erwartungen, die man in uns setzt. Wenn wir also diesen Aspekt in die Kinder- und Klassenzimmer verschieben, und uns trauen, können wir der Wandel sein.

6. Soziale Mischung im IT-Bereich

Prozent der Menschen lernen ihren Lebenspartner bei der Arbeit kennen. Den Webentwicklern wird es also sehr schwer gemacht, denn sie verbringen die überwiegende Zeit ihres Lebens mit Männern und Computern, was meistens auch auf die übrigen sozialen Aktivitäten abfärbt. Das Bild des Nerds, der Schwierigkeiten im Umgang des anderen Geschlechts zeigt, hat sich nicht ohne reellen Bezug in den Filmen und Serien unserer Zeit etablieren können.

Lasst die Mädels an die Rechner

In erster Linie muss die Politik in die Pflicht genommen werden, um Mädchen zu ermutigen, anstatt sie im Glauben an ihre Fähigkeiten zu beschneiden. Bereits in der Grundschulzeit müssen sie systematischer an eine breitere Variationsbreite von Berufen herangeführt werden.
Dazu gilt es Frauen zu vernetzen und als als lebende Vorbilder zu präsentieren, denn wir Menschen glauben, was wir authentisch vor uns sehen viel eher, als was uns vorgeführt wird.

In der englischsprachigen Welt gibt es viele Angebote, die sich auch an jüngere Mädchen richten, wie Girls Who Code, Code like a Girl, Girl Develop It. An Angeboten auf deutsch mangelt es noch.
Unsere Generation muss den Wandel antreiben. Mehr Frauen sollten sich an die Rechner trauen, und mehr Männer sollten diesen Weg ebnen. Ein Schlüssel, um die Frauenquote in der IT zu steigern liegt neben flexibleren Arbeitszeitmodellen auch in der gezielteren Ansprache von Frauen im Unternehmensbild und der Stellenbeschreibung. Die Frauenquote sollte zudem aus Eigeninteresse gesehen werden, und nicht als politisches Paradigma, denn auch das vernichtet jede Authentizität.
Angesichts des Fortschritts unserer Gesellschaft ist es nur ein kleiner, doch leider vernachlässigter Schritt, der getan werden muss. Wann, wenn nicht jetzt?

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